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Kommt kein Vogel geflogen

Ornithologen schlagen Alarm
Von Stephan Börnecke

Feldspatz? Feldlerche? Goldammer? Wer hat sie gesehen? Die Vögel der Agrarlandschaften machen sich europaweit rar. Ob in England, Belgien oder Deutschland: „Nur eine durchgreifende Umsteuerung in der Agrarpolitik“, sagt der Ornithologe Martin Flade, könne die einstigen Massenarten der Ackerlandschaften vor dem Gang ins Raritätenkabinett bewahren. Dass das Ziel der Konvention über biologische Artenvielfalt (CBD), den Artenrückgang zu bis 2010 signifikant zu verringern, erreicht wird, daran hat der Fachmann vom Dachverband der deutschen Avifaunisten (DDA) arge Zweifel. Die ehrgeizige Vorgabe der Europäischen Union, 2001 in Göteborg formuliert, den Artenrückgang bis 2010 sogar zu stoppen, erscheint ihm unerreichbar.

Denn die jüngsten Zahlen, die eine Heerschar ehrenamtlicher Ornithologen in den vergangenen Monaten zusammengetragen hat, zeigen eine deutliche Tendenz: Vor allem Vögel der Feldflur, der Wiesen und Weiden, aber auch Vögel der Strände und insbesondere die Langstreckenzieher, die südlich der Sahara überwintern, nehmen in ihrer Zahl rapide ab. Selbst in Ostdeutschland, wo nach der Wende kurzzeitig 15 bis 20 Prozent der landwirtschaftlichen Flächen nach jahrzehntelanger Intensivbewirtschaftung brach fielen, gehen die Bestandszahlen längst wieder nach unten.

Eine ähnliche Tendenz erwarten die Fachleute auch für die neuen östlichen EU-Länder, wo mit dem Beitritt eine Intensivierung der Agrarwirtschaft den Artenschwund wieder beschleunigt. Flade, der beim Landesumweltamt in Brandenburg arbeitet, beobachtet im Osten eine „alarmierende Trendumkehr“, belegt unter anderem durch das DDA-Monitoring. Derweil setzt sich im Westen der ohnehin nie gebrochene, seit Jahrzehnten anhaltende Abwärtstrend fort. „Wir entfernen uns wieder mit zunehmender Geschwindigkeit von dem hochgesteckten Ziel, den Verlust an biologischer Vielfalt zu stoppen – statt uns anzunähern.

Schlimmer noch: Die von Umweltorganisationen seit Monaten bekämpfte Aufhebung der bisherigen EU-weiten Zwangsstilllegung von Äckern, um den „Hunger“ nach Biosprit zu befrieden, werde zu „dramatischen Bestandseinbrüchen“ bei Feldvögeln führen. Das CBD-Ziel rückt damit in weite Ferne, denn Brachen aufgrund von Flächenstilllegungen waren zuletzt so etwas wie der Hoffnungsschimmer für viele Vögel, Insekten und Pflanzen. Sie galten als „Schlüsselfaktor für die Bestandssicherung und Bestandserholung“, so fasst Flade die Erkenntnisse der deutschen Ornithologen zusammen. Das EU-Ziel „kann so nicht erreicht werden“.

Im Südwesten der Republik ist die Feldlerche längst zur Seltenheit geworden, im Osten ging es bis vor zehn Jahren noch einigermaßen glimpflich ab, doch seither geht es auch dort rapide bergab für den über den Ackerschlägen singenden Sommergast.

Kiebitz, Wiesenpieper und Braunkehlchen sind seit langem Opfer früher Wiesenschnitte für Gras-Silage, und einige Wiesenvögel sind gar am Rande des Aussterbens: Die moderne Agrartechnik vertreibt Seggenrohrsänger oder Kampfläufer und dezimiert die Bestände der Uferschnepfe binnen zwei Jahrzehnten auf die Hälfte. Die Gentechnik, ahnt Flade, werde vielen Vögeln den Rest geben. Denn erwünschter Effekt gentechnisch veränderter Pflanzen sei es ja gerade, die Nutzung noch einmal zu intensivieren. Und wieder würden Opfer die Feldvögel werden.

Nicht immer freilich sind die Ursachen für Bestandrückgang in Deutschland zu suchen: Die Transsaharazieher unter den Vögeln, etwa Fitis, Turteltaube, Trauerschnäpper und Rauchschwalbe, kommen immer seltener im deutschen Frühling an. Über die Gründe können die Avifaunisten nur spekulieren, denn für die Forschung in Afrika fehlt das Geld. Wahrscheinlich aber sei, sagt der Afrika-erfahrene Ornithologe Flade, dass die durch den Klimawandel bedingte Ausbreitung der Wüsten, eine Überweidung der Sahel- und der Sudanzone, der Regenwaldverlust und der regional „massive Einsatz von Agrochemikalien entscheidende Faktoren“ für einen Artenschwund sind. Dieser, obwohl er in Afrika verursacht wird, ist auch in Deutschland zu spüren.

Wo bleibt das Positive? Im Aufwind sind neben Arten, für die es in jüngerer Zeit einen gezielten Artenschutz gab, wie etwa für die Großtrappe, einige Waldvögel. Doch zu früh gefreut: Viele dieser Arten sind nur deshalb häufiger geworden, weil sie neuen Lebensraum in Siedlungen und Parks eroberten – während gleichzeitig die Bestände anderer siedlungstypischer Vögel wie Hausspatz und Mauersegler zurückgehen.

Mai 2008

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